BOLTEliest

„Himmelsstürmer“ von Felix Baumgartner

Hier steckt ganz viel Energie drin….

… heute morgen erhalten, heute nachmittag gelesen, für immer verändert….

Das hier wird die persönlichste Buchempfehlung die ich jemals geschrieben habe und wohl auch jemals schreiben werde. Dieses ganze Projekt Stratos und Felix Baumgartner verfolgen mich schon lange – ich hab´s nur nicht gemerkt. Lange Zeit vor dem legendären Sprung hab ich montags auf Servus TV immer die Zusammenfassung der NASCAR Sprint Cup Series geschaut, weil Sky kann man sich ja nicht leisten. In der Werbepause kam dann natürlich auch immer Werbung für das Stratos Projekt und es begann mich zu nerven. „Wann springt der denn endlich“ hab ich mehr als einmal gesagt, ohne überhaupt zu wissen um was es dann da geht. Mich nervte das einfach. Vielmehr wollte ich das Rennen weiter anschauen und davon träumen wie das damals war, 2011 in Daytona.

Nun ja, dann kam der Tag des Sprungs. Nicht das ich mir diesen Termin gemerkt hätte. Zufällig war der Fernseher an und ich mit meiner Bügelwäsche beschäftigt. Doch jetzt begann ich mich dafür zu interessieren, was dieser Österreicher da anstellt. Ich selbst hab zwei Tandemsprünge hinter mir, weiß also was für ein irre Gefühl das ist, so durch die Wolken zu fallen. Doch was der da im Fernsehen vor hat, übersteigt jedwede Vorstellungskraft. Herzklopfen. Schweißnasse Hände. Wer hatte nicht diese Gefühlsausbrüche und vielleicht auch die ein oder andere Träne im Auge, als der Baumgartner mit hochgestreckter Siegerfaust am Boden kniet. Kompliment. Hochachtung. Respekt. Ein echter Teufelskerl. Ein Erlebnis, das mich schwer beeindruckt hat. Die Bügelwäsche lag Wochen später immer noch in der Ecke – ungebügelt.

Ich fing an mich für den Mensch Felix Baumgartner zu interessieren. Konnte mich an den zahlreichen Interviews nicht sattsehen. Verfolge ihn seitdem auf Facebook. Dann sah ich die Felix Baumgartner Story und ein BBC-Special zum Stratos-Projekt. Servus TV war inzwischen mein Lieblingssender geworden und ich erfuhr: das ganze Projekt Stratos wäre beinahe in die Hose gegangen. Und warum? Felix Baumgartner hatte Platzangst in seinem lebensrettenden Anzug. Er konnte die Isolation nicht ertragen. Platzangst. Panikattacken sobald der Anzug samt geschlossenem Helm ihn von seiner Umwelt abschnitt. Und jetzt wird es persönlich. Sehr persönlich. Ich kenne diese Angst. Seit 2010 leide ich an Panikattacken wenn ich Autofahren soll. Ich kann weder über die Autobahn fahren, geschweige denn über eine Landstraße. Mir machen sogar zweispurige Hauptstraßen Probleme. Alles lächerlich? Wenn du dein Kind nicht mehr zu Freunden fahren kannst, weil die auf dem Dorf wohnen. Wenn du nicht mal mehr alleine zu IKEA fahren kannst. Das alles ist gar nicht lustig. Okay, bei mir hängt natürlich kein Millionenprojekt dran. Aber wie das ist, mit Angst in ganz bestimmten Situationen zu leben, das weiß ich nur zu gut. Mit Angst vor dem Autofahren zu leben, obwohl ich absolut auf Autorennen stehe, es mein großer Traum ist einmal ein paar Runde im Oval in Daytona mitzufahren und obwohl ich schon Autos gefahren hab, die richtig was unter der Haube hatten, ist einfach nur scheiße. Ich und Panik, wo ich doch als gestandene Geschäftsfrau durchgehe, der Hans Dampf in allen Gassen bin. Seit 2010 verstecke ich die Angst. Es ist mir peinlich. Kaum jemand weiß davon. Ich bin gut im Ausreden finden und möchte wie Felix damals in bestimmten Situationen auch einfach abhauen.

Umso mehr erhoffte ich mir durch das Buch „Himmelsstürmer: Mein Leben im freien Fall“ nicht nur mehr über den Mensch Felix Baumgartner zu erfahren und darüber, was er gedacht und gefühlt hat, sondern auch eine Lösung für mein ganz persönliches Problem zu finden. Tja, nun habe ich nur wenige Stunden gebraucht um dieses kurzweilige Werk zu lesen. Die Erkenntnis: du brauchst schlicht und einfach Geld um dir helfen zu lassen, erwischt mich eiskalt. Leider steht hinter mir kein Sponsor, der mir die besten Psychologen zur Seite stellt. Unser Gesundheitssystem sieht zwar Hilfen für Angstpatienten vor, doch ich liege schon zwei Jahre auf der Couch und kann immer noch nicht über die Straßen rauschen. Alle wirklich hilfreichen Aktionen bei Ängsten, im übrigen nicht nur beim Autofahren, werden von den gesetzlichen Krankenkassen nicht übernommen. Shit happens. Und doch fühle ich mich jetzt bestärkter denn je, es angehen zu können. Ich fühle mich motiviert wie schon lange nicht mehr. Wenn der Baumgartner seine Angst vor dem Anzug überwunden hat, dann schaffe auch ich es auf die Straßen dieser Welt zurück. Von daher ist dieses Buch weit mehr als nur eine interessante Story, wenngleich man auch zwischen den Zeilen lesen muss.

Nun aber zum Buch. „Himmelsstürmer“ ist ein ganz kurzweiliger Einblick in das Leben eines Menschen, von dem oft genug behauptet wird, er sei ein Adrenalinjunkie. Er selbst bezeichnet sich als „Risikomanager“ – nun ja, darüber lässt sich streiten. Aber diese Worte, die aus Sicht des Baumgartners geschrieben sind, malen ein Bild von einer sehr risikofreudigen Persönlichkeit, die aber niemals den Sicherheitsgedanken vergisst. Und es wird ein sehr sympathisches Bild gezeichnet.

Es gibt einige Stellen im Buch, die mich besonders berührt haben. So etwa auf Seite 35. Da geht es darum, dass der Felix aus Angst vor diesem Anzug abhaut und die nächsten Tests platzen lässt und da heißt es (Zitat): „Manchmal braucht es den Mut zu sagen: Okay, jetzt nehmen wir das Gas raus…. Je mehr Druck du machst, desto schlimmer wird es…“ So ist es doch in unserer schnelllebigen Welt. Wir setzen uns alle unter Druck. Wollen Leistungen erbringen, die wir nicht erbringen können, weil uns etwas stoppt. Und immer wird gleich gedacht, der ist ein Weichei oder der hat nen Burnout. Überall setzen wir uns unter Druck. Im Job, in der Beziehung, als Eltern. Dabei muss da doch gar nicht sein. Warum lehnen wir uns nicht mal zurück? Nehmen mal den Fuß vom Gas? Dabei darf man sein Gesicht nicht verlieren. Aber gerade das ist in der Welt noch nicht angekommen. Schwäche darf man einfach nicht zeigen. Das muss sich ändern.

Über den Mensch Felix Baumgartner habe ich mich auch auf Seite 96 sehr gewundert. Da macht dieser Kerl zig illegale Dinger, weil von der Jesus Statue springen ist eigentlich nicht vorgesehen. Und gerade bei dieser Aktion klaut er in der Hotellobby am Tag vor dem geplanten Sprung einen Blumenstrauß, den er dem Jesus da auf die Schulter legt. Der Felix denkt aber noch einen Schritt weiter und hat eine Plastikflasche zum Pinkeln mitgenommen. Weil die Jesus-Statue anpinkeln geht ja mal gar nicht. Auf Seite 97 steht dann: „Keine Schlösser aufbrechen, nicht den Jesus anpinkeln, ein Blumensträußchen ablegen und ihn höflich bitten: `Hey, lass uns das jetzt gemeinsam machen. Das ist für uns beide was Neues`. Das schien mir der richtige, der smarte Weg zu sein.“ Also ich hätte bestimmt nicht soweit gedacht. Ein Part, der Felix noch sympathischer macht und der mich so zu Lachen brachte, dass die Leute im Cafe um mich herum mich blöd angeschaut haben.

Weiter im Buch geht es nochmal detailliert um die Probleme mit dem Anzug. Für mich das spannendste Thema. Sein Psychologe Mike Gervais redet immer wieder positiv über den Anzug. Er stellt die einzige Möglichkeit da, den Sprung überhaupt machen zu können. Und so schaut Baumgartner während eines Gespräches mit Mike, in dem es darum geht was passiert wenn er den Anzug nicht anhat, zu dem Anzug hin und denkt „Schon geil, das Ding“. Genau so weit muss es bei einer Angststörung kommen. Man muss den Blickwinkel ändern und das Positive sehen. „Nur mein Auto bringt mich zu IKEA…“. Es klingt alles leider viel einfacher als es ist.

Im Kapitel „Going Home – der Himmelssturm“ saß ich – wie soll es anders sein – mit schweißnassen Händen auf meinem Sofa und erlebte alles nochmal. Ich habe immer erwartet, dass dem Felix in dieser Situation etwas Besonderes durch den Kopf geht. Irgendeine Emotion. Halt das, was ich zum Beispiel am TV-Gerät empfunden habe. Absolute Spannung. Angst. Freude. Ein Kribbeln im Bauch. Ich hab in den ganzen Interviews nie wirklich verstanden, warum er nie solche Worte benutzt hat. Habe ihm nicht geglaubt, dass er den Sprung nicht genossen hat. Doch jetzt, nach diesem Buch wird mir klar „der kämpft ums Überleben“, wie soll der denn dabei Glücksgefühle erlebt haben?

In diesem Buch findet sich jeder wieder. Dazu muss man kein ausgesprochener Baumgartner-Fan sein. Ich bin der Meinung, wenn man hier auch mal zwischen den Zeilen ließt, dann kann dieses Buch mit jedem Motivationsratgeber mithalten. Hier steckt so viel Energie drin. Das wird auch in den letzten Worten dieses Buches deutlich. (Zitat Seite 203) „Der Kopf ist ein verrücktes Ding und das menschliche Gehirn nach wie vor das größte Mysterium auf Erden. Was dort oben nicht alles in Gang gesetzt werden kann: Träume, Tränen und Triumphe.“

Und deshalb finde ich, dass dieses Buch weit mehr als nur eine Autobiographie ist. Hier kann man viel heraus ziehen und viel über sich selbst lernen. Vor allem aber lernen, dass es sich lohnt für seine Träume zu kämpfen. Auch im Kleinen. Auch bei sich vor der Haustür. Dazu muss man sich nicht aus 39.000 Metern werfen, man muss nicht reich sein und man muss schon gar nicht neidisch auf andere sein. Aber man muss Vorbilder haben. Menschen zu denen man aufschauen kann. Gerade für Jugendliche ist es sehr wichtig (im übrigen auch ein Thema das in dem Buch angesprochen wird), neben Vorbildern auch ein Ziel zu haben. Und niemand sollte sich seiner Ängste schämen, sondern sich vielmehr bewusst machen, dass es Hilfe gibt, es man Hilfe annehmen muss, alleine schafft man das nicht.

Danke Felix (ich sag jetzt einfach mal du, das passt schon), für diese Reise, für dieses Abenteuer, für diese Message!!!!

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P.S. Seit dem Stratos-Sprung habe ich eine Hymne, die mir beim Autofahren hilft, mich ein wenig abzulenken:

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