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Statement zur Reduzierung der Hort-Betreuung in Peine

Heute großes Thema in der PAZ „Reduzierung der Hort-Betreuung: `Konzept geht zu Lasten unserer Kinder´

Hintergrund: Zum kommenden Schuljahr werden an vier Grundschulen die Betreuungszeiten im Hort reduziert. An vier Tagen in der Woche wird es dann eine Ganztagsbetreuung bis 15.45 Uhr geben und anschließend eine Hort-Betreuung (falls erforderlich) von 16 bis 17 Uhr. Freitags bleibt es bei der Hortbetreuung bis 17 Uhr. Ebenso bleibt die gebührenpflichtige Hortbetreuung von 8 bis 17 Uhr in den Ferien.

Wenn ich die Kommentare und Befürchtungen der Eltern zu den Veränderungen lese, wird mir ein wenig schlecht.

„…. ein wesentlicher Kritikpunkt ist für mich, dass mein Kind bis 15.30 Uhr keine Freizeit mehr haben wird“, bringt eine der Mütter ihre Befürchtungen auf den Punkt. Eine andere fragt „Wird der Busfahrplan an die Veränderungen angepasst?“. Wieder eine andere meint „Ich finde Kinder sollten mittags die Schule verlassen können“. Weitere Ängste sind, dass soziale Kontakte kaputt gehen würden, negativ empfunden wird, dass die Hausaufgabenbetreuung in größeren Gruppen erfolgen soll und das Eltern bei einer Ganztagsschule der Rückzugsort für die Kinder fehlen würde.

So, jetzt ich: das Leben ist eben kein Ponyhof.

Mal ganz im Ernst: wenn ein Kind ständig überbehütet wird, kann es doch gar keine Persönlichkeit entwickeln. Warum traut man einem Kind heute so wenig zu? Kinder können nämlich mehr verkraften als man meint. Die brauchen keinen Rückzugsort, schließlich sollen sie am Abend müde sein. Wie häufig zieht sich ein Kind im Grundschulalter freiwillig zurück? Was macht es dann? Mittagsschlaf? Das sollte doch in diesem Alter längst vorbei sein, oder?

Verlust sozialer Kontakte. Man lernt doch neue Kinder kennen. Was ist daran schlimm? Und auch neue Bezugspersonen. Was meinen Sie, wie viele neue Bezugspersonen auf weiterführenden Schulen kommen? Da ist ständig jemand krank, schwanger, out of order, was auch immer. Die Kindergartentante gibt es nicht mehr. Aber bitte: was ist schlimm daran? Im Leben muss man sich doch ständig an neue Menschen gewöhnen, lernen mit ihnen klar zu kommen, Situationen akzeptieren so wie sie sind. Warum sieht man Probleme darin, wenn das bereits Kinder lernen sollen?

Ich bin einfach nach wie vor der Meinung, wer Kinder in die Welt setzt, muss ich entscheiden:

  1. ob er aufhört zu arbeiten oder seine Arbeitszeit reduziert, um dann die Betreuung (die Kids oftmals gar nicht mehr brauchen) zu übernehmen,
  2. ob er sich damit abfinden kann, dass eine Einzelbetreuung für 120 Euro im Monat mit Mittagessen unrealistisch ist,
  3. ob er damit leben kann, dass Kinder nach dem Kindergarten ins echte Leben geschubst werden,
  4. ob er darauf vertrauen kann, dass auch andere die Kinder gut beaufsichtigen können, ohne das die Kids zu kurz kommen,
  5. ob er seinem Kind vielleicht mal beibringt, dass ein gewisser Lebensstandard nur möglich ist, wenn man arbeiten geht und dass das Konsequenzen für die ganze Familie mit sich bringt,
  6. ob es sinnvoll ist Kinder in die Welt zu setzen, wenn man gar keine Zeit dafür hat.

Meiner Erfahrung nach werden Kinder nach dem Kindergarten in der Grundschule nur noch vier Jahre weiter mit Kinderkram beschäftigt. Vorbereitung auf die weiterführenden Schulen (oder gar aufs Leben): Fehlanzeige. Die Umstellung ist enorm und man kann sich die Welt nun mal nicht machen, wie sie einem gefällt. Eltern und auch Kinder müssen lernen Kompromisse einzugehen und sich mit Entscheidungen abzufinden. Wenn es auf weiterführende Schulen geht, dann sind 7 Stunden Unterricht ganz regulär. Dann wird in der Schule gegessen und wenn es sich um eine gute Schule handelt, dann bleiben die Kids sogar gerne (und freiwillig) länger dort. Opps. Keine Rückzugsmöglichkeit.

Wir sollten eher dankbar sein, dass es Eltern ermöglicht wird, Arbeiten zu gehen, obwohl sie Kinder haben. Dann aber auch noch zu fordern, dass Busfahrpläne angepasst werden sollen, damit man bloß selbst nicht das Kind abholen muss bzw. es läuft, mit dem Rad fährt oder mal eine halbe Stunde auf einen Linienbus warten muss, finde ich schon fast frech. Richtig frech finde ich auch den Kommentar „… im Hort werden Kindern qualifiziert betreut…. AGs in den Schulen werden häufig von Hilfskräften geleitet…. geht eindeutig zu Lasten der Ausbildung unserer Kinder…“. WOW. Das finde ich schon eine harte Aussage. Bitte Mutti, bitte Papi, dann kümmere dich doch selbst um die Ausbildung deines Kindes. Ist das nicht auch die Aufgabe der Eltern? Es kann doch nicht sein, dass Eltern jegliche Verantwortung für ihre Kinder auf Dritte abwälzen wollen. Mir platzt die Hutschnur wenn ich sowas lese.

Was aus uns spricht, diese Argumente gegen die Veränderungen, das ist meiner Meinung nach das schlechte Gewissen in uns selbst. Wir wollen Kinder, wir wollen genug Geld, wir wollen einen Job, wir wollen uns selbst verwirklichen, wollen Freizeit haben, wollen mit den Kindern was unternehmen und wir haben vergessen, dass der Tag nun mal nur 24 Stunden hat. Wir haben ein schlechtes Gewissen den Kindern gegenüber, weil wir vor lauter Geld-verdienen-ich-bleiben-wollen-bloß-keine-Veränderungen-eingehen-Denkpampe gar keine Zeit für die Kinder haben.

Ich frage mich manchmal, wie wir alle groß geworden sind? Meine Eltern waren beide berufstätig. Es gab keine Ganztagsschulen, keine Mensa, keine Hausaufgabenbetreuung. Meine Eltern hatten aber wohl das große Glück, dass sie beide in Schichten arbeiten konnten und so haben sie immer entgegengesetzt gearbeitet. Hatte Papa Frühschicht, kam er um 14.30 Uhr nach Hause. Dann hatte Mama Spätschicht und musste um 13 Uhr das Haus verlassen. Klein Kathrin hatte um 13 Uhr Schule aus, erst ging sie zu Fuß die paar Meter nach Hause, später fuhr sie wegen Umzugs auf das Dorf mit dem Linienbus (auf den sie eine dreiviertel Stunde warten musste) nach Hause (oder war mit dem Rad unterwegs, weil das schneller ging, auch im Winter) und besaß einen Hausschlüssel und – jetzt kommts – konnte damit umgehen. Mittagessen aus der Mikrowelle, Hausaufgaben machte man da noch alleine und dann ging es raus zum Spielen. Um 18 Uhr musste ich zu Hause sein. Ich kann mich nicht daran erinnern, das meine Eltern groß mit mir gespielt hätten. Und doch hatte ich die beste Kindheit die man sich vorstellen kann und aus mir geworden ist auch was. Ohne Rückzugsraum, Kuschelbezugsperson und Hausaufgabenbetreuung.

Man hatte ich es gut!!!!!

Es wird meiner Meinung nach auf ganz schön hohem Niveau gejammert. Veränderungen sind nun mal unbequem. Vor allem die Veränderung im eigenen Kopf.

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